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Generalist mit baukulturellem Mehrwert

Ulf Bambach, CEO der formicon Gruppe.
formicon ist eine Planungsgruppe, die Architektur, Tragwerksplanung, technische Gebäudeausrüstung und Projektmanagement unter einem gemeinsamen Unternehmensdach zusammenführt. Zu ihr gehören aktuell rund 600 Mitarbeitende an 20 Standorten. Als Generalplaner bündelt die Gruppe die beteiligten Planungsleistungen und übernimmt deren Koordination. Ulf Bambach, CEO von formicon, spricht mit Rolf Mauer, Chefredakteur der Architekturzeitung, darüber, wie dieses Modell die Entwurfsqualität und die Rolle der Architektinnen und Architekten beeinflusst.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Erfahrung aus unterschiedlichen Bauaufgaben und das Wissen verschiedener Disziplinen zu besserer Architektur beitragen können. Das Gespräch geht dabei auch den Spannungen zwischen gestalterischem Anspruch, technischen Anforderungen und wirtschaftlichen Vorgaben nach. Wie entsteht eine gemeinsame Planungskultur, und wie bleibt die Eigenständigkeit der einzelnen Büros erhalten? Weitere Themen sind das Bauen im Bestand, der Einsatz von KI und die Fähigkeiten, die Architektinnen und Architekten künftig für ihre Arbeit brauchen.
Vom Zusammenschluss zur gemeinsamen Planungskultur
Rolf Mauer: formicon ist innerhalb kurzer Zeit stark gewachsen. Große Generalplaner gibt es bereits am Markt. Was wollen Sie mit formicon anders machen?
Ulf Bambach: Wir wachsen mit hoher Geschwindigkeit und schließen uns mit Unternehmen zusammen, die eine lange Tradition haben, um sie zu einer Gruppe zu formieren. Das ist eine große Aufgabe. Denn es ist nicht nur eine juristische oder kaufmännische, sondern vor allem eine kulturelle Frage. Und die ist für uns bei der Auswahl der Unternehmen ausschlaggebend. Die kulturelle Basis – sich gemeinsam zu verabreden und Projekte gemeinsam planen zu wollen – ist das wesentliche Bekenntnis in unserem Leitbild und wird auch die Basis für den gemeinsamen Erfolg sein.
Rolf Mauer: Viele Unternehmen sprechen von integraler Planung. Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen Anspruch und gelebter Praxis?
Ulf Bambach: Alle Generalplanerteams wie auch viele einzelne Planungsbüros, die gut zusammenarbeiten, beschreiben einen integralen Planungsprozess, genauso wie alle sagen, sie betrieben einen BIM-Prozess. Aus meiner Erfahrung ist das leichter gesagt als getan. Man muss es als Unternehmenswert und Unternehmensvision leben. Das ist für uns bei der Integration, in der täglichen Arbeit und bei der Ausbildung unserer Mitarbeitenden ein Erfolgsfaktor. Wir investieren hier sehr viel Zeit, Arbeit und Geld. Nun können Sie berechtigterweise einwenden, uns gebe es ja erst seit 15 Monaten. Aber wir sehen bereits nach den ersten Monaten erste Erfolge. Wir erleben die Bereitschaft der Unternehmensleitungen ebenso wie der Mitarbeitenden, an dieser Idee mitzuwirken. Ich bin überzeugt, dass es uns mit diesem Ansatz gelingt, einen integraleren, besser abgestimmten und gemeinschaftlicheren Planungsprozess zu erreichen als viele andere Mitbewerber am Markt.
Rolf Mauer: Was lässt sich dabei organisatorisch regeln – und was muss kulturell entstehen?
Ulf Bambach: Das können Sie nicht juristisch in Gesellschaftsverträgen, Teamkonstellationen oder Generalplanerverträgen formulieren. Wir müssen die Menschen dazu bringen, wieder zusammenzuspielen, zusammenzuarbeiten und gemeinsam zu planen. Das ist uns in Deutschland, glaube ich, in den vergangenen dreißig Jahren ein Stück weit abhandengekommen. Genau darin liegt die ureigene Aufgabe, an der wir tagtäglich arbeiten.
Rolf Mauer: Sie vereinen verschiedene Büros und haben rund 600 Mitarbeitende. In Ihrer Kommunikation sprechen Sie von „vernetzter Intelligenz“. Wie verbinden sich vernetzte Intelligenz und die von Ihnen betonte Planungskultur?
Ulf Bambach: Die Intelligenz eines Unternehmens steckt zum Teil in Daten, wahrscheinlich aber zu einem noch größeren Teil in den Köpfen der Mitarbeitenden. Wenn man es wirtschaftlich formulieren will, sind die Mitarbeitenden das Asset, die Kompetenz und auch der Wert eines Unternehmens – trotz aller digitalen Dokumentationen und Unterlagen aus den vergangenen zwanzig, fünfundzwanzig oder dreißig Jahren. Bei uns sind es heute rund 600 Menschen, demnächst rund 700, und wir wachsen weiter. Das Wissen in diesen Köpfen ist die Ressource unserer gesamten Kompetenz. Dieses Wissen liegt im Regelfall zunächst jedoch bei einzelnen Personen.
Rolf Mauer: Wie gelingt es, dieses Wissen tatsächlich zu vernetzen?
Ulf Bambach: Im besten Fall reden die zwanzig, dreißig oder fünfzig Menschen, die an einem Standort sitzen, miteinander. Aber innerhalb meiner Laufbahn habe ich erlebt, dass Mitarbeitende mit zwanzig Metern Abstand und einer Tür dazwischen kaum im Dialog waren, sondern sich E-Mails geschrieben haben. Unsere Aufgabe ist es, dieses Wissen und diese Menschen miteinander zu verbinden, Barrieren und Kommunikationshemmnisse abzubauen und das Ganze – unterstützt durch eine Planungsmethodik und ein digitales Umfeld – wertschöpfend für die Projekte einzusetzen. Wertschöpfend heißt dabei nicht nur wirtschaftlich. Es bedeutet, Inhalte und Kompetenzen über Standort- und Bereichsgrenzen hinweg zusammenzubringen und zum Wohl des Projekts zu verknüpfen. Diesen Gedanken greifen wir auch mit unserem Firmenlogo auf. Es zeigt, wie fragmentierte Einzelteile – Kreissegmente, die für unterschiedliche Kompetenzen und Unternehmen stehen – zu einem Ganzen zusammenwachsen. Zugleich bündelt der Kreis die Kraft, das Wissen, die Kompetenz und die Idee dahinter. Im Zentrum unseres Tuns steht immer das Projekt.
Rolf Mauer: Wie wird diese Vernetzung technisch unterstützt? Spielt KI dabei bereits eine Rolle?
Ulf Bambach: Wir entwickeln eine offene Wissens- und Kommunikationsplattform über alle Unternehmen hinweg. Wir haben abgestimmt, wie wir in der BIM-Systematik miteinander arbeiten. Eine KI-gestützte Wissensdatenbank und eine formicon Academy sind im Aufbau. Außerdem entwickeln wir KI-Unterstützung für unseren eigentlichen Arbeitsprozess. Zug um Zug, Woche für Woche und Monat für Monat kommen erste Tools in die Anwendung. Unterschiedliche Initiativen sind bereits im Realbetrieb.
Rolf Mauer: Damit kommen wir wieder zur Kultur. Reichen Plattformen, Prozesse und digitale Werkzeuge allein aus?
Ulf Bambach: Nein. Wenn ich diese Kultur des Gemeinsamen und das Verständnis nicht habe, dass durch Gemeinschaft ein Mehrwert entsteht, helfen mir die ganzen Tools und Prozesse nicht. Wenn ich jemanden anrufe, weil er eine besondere Kompetenz hat und ich seine Hilfe brauche, muss auf beiden Seiten das Verständnis vorhanden sein, dass dieses Problem auch ein gemeinsames Thema ist. Genau diese Hürden wollen wir aufbrechen. Als Generalplaner können wir unterschiedlichste Expertise zusammenbringen, weil die Menschen miteinander reden, miteinander arbeiten und sich auch in Projekten kurzfristig unterstützen, ohne dort eigentlich fest involviert zu sein.
Rolf Mauer: Kritisch gegenüber der Generalplanung wird häufig eingewandt, dass wirtschaftliche Kriterien zu stark im Vordergrund stehen. Wie verbinden Sie Wirtschaftlichkeit und die von Ihnen beschriebene Unternehmenskultur?
Ulf Bambach: Ich sehe darin überhaupt keinen Widerspruch. Wenn ich eine gemeinsame Kultur habe, darauf aufbauend einen gemeinsamen, einvernehmlichen Prozess, wie wir ein Haus planen und realisieren, und dafür die richtigen Werkzeuge nutze – BIM, KI und anderes –, kann daraus ein wirtschaftlicher Effekt entstehen. Gleichzeitig kann ich viel Qualität in die Projekte bringen, Zeit freispielen und Reibungsverluste reduzieren. So entsteht zum Vorteil aller Beteiligten ein besseres Verfahren, ein besserer Prozess und im Regelfall hoffentlich auch ein besseres Gebäude.
Rolf Mauer: Was ist für Sie ein „besseres Gebäude“?
Ulf Bambach: Ein besseres Gebäude ist nicht nur ein schönes Gebäude. Es respektiert die städtebaulichen und ästhetischen Anforderungen – das ist ein wichtiger Faktor. Es ist zugleich funktional. Es ist technisch gut und sinnvoll. Und es berücksichtigt wirtschaftliche Aspekte: Derjenige, der es baut, muss es sich leisten können; und wenn andere es nutzen, müssen diese am Ende die Miete bezahlen können. Mit wirtschaftlichen Zielvorgaben ein gutes und schönes Haus zu planen, ist für mich eine originäre planerische Aufgabe. Wer das nicht annimmt, ist aus meiner Sicht keine gute Planerin oder kein guter Planer – unabhängig davon, ob sie oder er in der Generalplanung oder in einem einzelnen Architektur- oder Ingenieurbüro arbeitet. Mit einer gemeinsamen Unternehmenskultur, Vision und Zielsetzung können wir das für ein Projekt leichter durchsetzen, weil alle beteiligten Disziplinen in diesem Verständnis mitarbeiten.
Größe und Individualität
Rolf Mauer: Haben Generalplaner mit ihrer umfassenden Kompetenz bessere Voraussetzungen, um gute Architektur zu schaffen?
Ulf Bambach: Er hat bessere Voraussetzungen, um gute Häuser zu schaffen. Wenn ich gute Architektur mit guten Häusern gleichsetze, dann ja. Für mich entsteht ein gutes Haus aus dem Zusammenspiel aller Disziplinen. Ein Haus, das allein aus der Architekturperspektive gut ist, ist noch lange nicht insgesamt ein gutes Haus. Wenn man auf erfolgreiche Kolleginnen und Kollegen der vergangenen Jahrzehnte schaut – bis hin zu Vorbildern wie Santiago Calatrava –,findet man häufig eine Verbindung architektonischer und ingenieurtechnischer Kompetenz. Es gibt viele gebaute Beispiele, bei denen Ingenieurdisziplinen einen gestalterischen Anteil am Prozess haben.
Rolf Mauer: Wo wird diese gemeinsame Gestaltung besonders sichtbar?
Ulf Bambach: Nehmen Sie Hochhäuser oder Hallen mit weit gespannten Tragwerken. Als Architekt muss ich mich davon lösen, dort alles bestimmen zu wollen, was gestaltungswirksam ist. Das Tragwerk einer Halle mit 120 oder 150 Metern Spannweite hat eine erhebliche Auswirkung auf Dachform und Fassadenkonstruktion. Bei vielen Aufgaben entsteht Gestaltung im Zusammenspiel mit Ingenieurinnen und Ingenieuren und nicht ausschließlich aus der Architekturperspektive. Sonst müssen wir uns irgendwann vielleicht den Vorwurf gefallen lassen, nur noch ästhetische, additive „Behübscher“ oder Kulissenbildner eines Hauses zu sein – genau gegen diesen Vorwurf wehren wir Architekten uns ja.
Rolf Mauer: „Kulissenarchitektur“ ist natürlich ein hartes Wort. Früher war die Zusammenarbeit mit Fachplanern oft so organisiert, dass Architekten zunächst den großen Entwurf machten und ihn anschließend zum Statiker gaben. Sie integrieren die verschiedenen Disziplinen von Anfang an. Wie verändert diese Zusammenarbeit die Rolle der Architektinnen und Architekten?
Ulf Bambach: Sie müssen sich darauf besinnen, dass sie neben ihrer gestalterischen Aufgabe aus der Baumeistertradition heraus schon immer auch eine koordinierende und ingenieurtechnische Aufgabe im Projekt hatten. Von dieser Verantwortung hat man in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive Teile abgegeben. Ich bin beispielsweise kein Freund davon, unangenehme Aufgaben einfach an die Projektsteuerung auszugliedern. Damit gebe ich meinen Führungsanspruch im Projekt aus der Hand. Eine meiner ersten Fragen an Bewerberinnen und Bewerber war und ist deshalb, welchen Führungsanspruch sie in ihrem Projekt haben und warum sie diesen Beruf gewählt und dieses Fach studiert haben.
Rolf Mauer: Was gehört darüber hinaus zu diesem Rollenverständnis?
Ulf Bambach: Ich muss mich umfassend für andere Disziplinen interessieren – auch jenseits des eigentlichen Planungsprozesses. Dazu gehören soziologische und gesellschaftliche Themen. Wer von der Universität kommt und glaubt, mit einem schönen Haus oder einem guten Entwurfsansatz sei die Aufgabe erledigt, greift zu kurz. Viele Disziplinen kommen zusammen, auch außerhalb der klassischen Planung. Ein erheblicher Teil unserer Arbeit, wie er auch in den HOAI-Leistungsbildern definiert ist, hat mit Realisierung, Ausschreibung und Kosten zu tun. Dafür muss ich mich wenigstens interessieren. Ich würde außerdem allen empfehlen, auf Baustellen gearbeitet zu haben, um zu verstehen, was es heißt, einen Planungs- und Bauprozess von der ersten Idee bis zur Realisierung zu durchleben. Das gehört zu diesem Beruf.
Rolf Mauer: Sie vereinen verschiedene Büros, Kompetenzen, Kulturen, Persönlichkeiten und Planungserfahrungen. Wie viel Eigenständigkeit bleibt den einzelnen Unternehmen und Beteiligten? Und wie entwickelt sich daraus eine gemeinsame Kultur?
Ulf Bambach: Wo wir auf jeden Fall zusammenwachsen, ist die inhaltliche und prozessuale Zusammenarbeit. Hier müssen wir zu einer planerischen Einheit werden und uns dazu bekennen. Auch nach außen wollen wir zeigen, dass wir eine Gemeinschaft, eine starke Gruppe sind. Jedes Unternehmen ist Teil der formicon Gruppe. Gleichzeitig lassen wir Raum für Individualität. Wir entwickeln den weiteren Markenprozess partnerschaftlich gemeinsam.
Bauwende und Bestand
Rolf Mauer: Sprechen wir über Bauwende, Transformation, Sanierung und Weiterbauen. Diese Themen rücken immer stärker in den planerischen Alltag. Wie stellt sich formicon darauf ein? Ist das ein eigenes Zielgebiet oder ergibt es sich bereits aus den Anforderungen des Marktes?
Ulf Bambach: Der Markt und die gestellten Aufgaben machen es zu einem Thema, dem wir uns nicht entziehen können. Das Bauen im Bestand wird mit Sicherheit eines der wichtigsten Zukunftsthemen sein. Wir sind ein gebautes Land und müssen mit diesem Bestand umgehen. Dafür müssen wir die Kompetenz haben und weiter aufbauen, um Bestand zunächst bewerten und anschließend in einem angepassten Planungsprozess bearbeiten zu können.
Rolf Mauer: Welche Entscheidungen müssen dabei möglichst früh getroffen werden?
Ulf Bambach: Es ist wichtig, den Auftraggeberinnen und Auftraggebern möglichst früh eine Entscheidungsgrundlage zu geben: Neu bauen oder Bestand erhalten und weiterentwickeln? Bei Neubauten ebenso wie bei einem Bestand muss ich mir Gedanken darüber machen, wie das Gebäude die nächsten fünfzig Jahre weiterleben kann. Die Veränderungsgeschwindigkeit wird aus vielerlei Gründen eher höher als niedriger. Gebäude, die mit Blick auf ihren Lebenszyklus geplant werden, können deshalb Vorteile haben. Das gilt sogar für Gebäude aus den siebziger und achtziger Jahren, als Lebenszyklusbetrachtungen oder Materialkataster noch keine etablierten Werkzeuge waren. Wenn damals etwa mit Gebäudetiefen oder Geschosshöhen experimentiert wurde, sind Typologien entstanden, die heute völlig andere Nutzungen aufnehmen können.
Rolf Mauer: Wer im Bestand baut, muss sich mit vorhandenen Ressourcen, Kreislaufwirtschaft und CO₂-Bilanzen auseinandersetzen. Vieles davon haben Architektinnen und Architekten früher im Studium nicht gelernt. Was müssen wir jetzt lernen, damit diese Aspekte künftig selbstverständlich in die Arbeit einfließen?
Ulf Bambach: Wichtig ist zunächst, zu erkennen, dass diese Aspekte integrale und elementare Bestandteile unserer Planungsaufgaben sind. Es muss auch nicht in jedem Projekt zu einem hochwissenschaftlichen Thema werden, das alles nur komplizierter macht. Es ist möglich, mit einfachen Werkzeugen bereits eine große Bandbreite des Lebenszyklus abzudecken, ohne den Anspruch auf hundertprozentige Genauigkeit zu erheben.
Rolf Mauer: Welche Genauigkeit braucht es denn für belastbare Entscheidungen?
Ulf Bambach: Gerade in Grundlagenermittlung und Vorentwurf kann man mit einer 80- oder 90-prozentigen Abdeckung der relevanten Faktoren valide Entscheidungen treffen: Ist es sinnvoll, den Bestand weiter zu erhalten, oder muss an dieser Stelle wirklich etwas Neues entstehen? Tragwerksplaner und Haustechniker können vieles rechnen und mathematisch nachweisen; in der Architektur wird dagegen häufig diskutiert. Dann hängt viel davon ab, wie überzeugend oder glaubwürdig ich bin. Habe ich meine Bauherrschaft überzeugt, beginnt bei der Stadt möglicherweise die Diskussion von vorn. Wenn wir Dinge versachlichen und in geeigneter Form nachweisen können, erleichtert das uns Architekten die Arbeit erheblich. Wir können auf einer fundierten Basis argumentieren und andere leichter dafür gewinnen, einen Weg mitzugehen.
Rolf Mauer: Sie plädieren also für mehr Nachvollziehbarkeit in der Argumentation?
Ulf Bambach: Ja. Ich bin ein Freund von Klarheit. Wenn eine Diskussion nur noch auf Geschmack oder auf die Frage hinausläuft, ob etwas sinnvoll oder notwendig ist, kann das zu endlosen Debatten führen, und ein Projekt kann einem aus der Hand gleiten. Deshalb sollten wir diese Themen professionell bearbeiten und Fachleute hinzuziehen, die sich schon länger mit lebenszyklusorientierter Planung beschäftigen. Naheliegend ist beispielsweise, Kolleginnen und Kollegen aus ESG und Bauphysik stärker einzubinden und deren Kompetenzen zu vernetzen. Damit kann ich meine eigene Planungsqualität verbessern.
KI und die Zukunft des Entwerfens
Rolf Mauer: Mit KI ist vor Kurzem eine neue Kollegin hinzugekommen. Sie kann eine große Arbeitserleichterung sein, kann aber auch in die Irre führen. Wie geht formicon mit KI um? Wofür setzen Sie sie ein? Ist KI ein Werkzeug oder tatsächlich ein Kollege?
Ulf Bambach: In der ersten Phase ist sie zunächst ein Werkzeug für uns. Wir nutzen KI als Hilfsmittel bei wiederkehrenden Arbeitsschritten, die mit einer gewissen Eintönigkeit und viel Fleiß verbunden sind und sich relativ schnell umsetzen lassen. Aus den ersten Erfahrungen heraus bin ich sehr optimistisch, was KI angeht. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, nicht KI-gläubig zu werden. KI ist nicht fehlerfrei.
Rolf Mauer: Wo sehen Sie die Risiken eines unkritischen Einsatzes?
Ulf Bambach: Wir dürfen nicht der Verlockung von KI-Bildern erliegen. Architektinnen und Architekten können sich heute an den Rechner setzen, etwas diktieren und bis zum Abend fünfzig Außen- und Innenvisualisierungen produzieren – schnell und kostengünstig. Aber ist das wirklich der sinnvolle Einsatz? Am Ende können Visualisierungen entstehen, die kein inhaltliches Fundament haben. Das ist für mich keine Architektur. Deshalb glaube ich auch nicht, dass KI Architektinnen und Architekten ohne Weiteres ersetzt.
Rolf Mauer: Welche Rolle spielt dabei die eigene Datenbasis des Unternehmens?
Ulf Bambach: Mit einer zunehmend hochwertigen Datenbasis, die wir im eigenen Unternehmen aufgebaut haben, eröffnen sich weitere Möglichkeiten. Gleichzeitig sind Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen. Wir können unser Wissen und unsere Projekte nicht einfach unkontrolliert in KI-Systemen zirkulieren lassen. Für bestimmte Aufgaben werden wir aber sicherlich digitale „Kollegen“ oder Agenten bekommen.
Rolf Mauer: Wo sehen Sie dafür bereits konkrete Anwendungen?
Ulf Bambach: Ein Beispiel ist die KI-gestützte Fortbildung. Ich kann Fortbildungsangebote für Mitarbeitende 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche zugänglich machen, und alle können einen virtuellen Lehrer nutzen. Selbst bei unserer Größe werden manche Kurse als physische Veranstaltung vielleicht nur zweimal im Jahr angeboten. Mit KI kann ich Wissen und Weiterbildung wesentlich schneller ins Unternehmen tragen und den Mitarbeitenden mehr Angebote machen. In solchen Bereichen werden wir digitale Kollegen oder sogenannte Agenten bekommen. Ich glaube auch, dass KI irgendwann in Teilbereichen eigenständig Arbeiten erledigen wird.
Rolf Mauer: Bedeutet das, dass künftig weniger Mitarbeitende gebraucht werden?
Ulf Bambach: Davor habe ich keine Angst. Ich glaube, dass wir uns dadurch Zeit freispielen, um Qualität in die Projekte hineinzubringen, die heute unter Zeitdruck oft untergeht. Fragt man Kolleginnen oder Kollegen aus der Planung, wer heute ein oder zwei Stunden Zeit habe, in Ruhe Qualitätssicherung zu betreiben, oder wer sich beim Entwerfen ungestört Gedanken machen könne, zeigt sich das Problem. Wenn KI uns mehr Zeit freispielt, können wir mehr Qualität in Projekte und in unsere tägliche Arbeit bringen.
Rolf Mauer: Welche Tätigkeiten sollte KI Ihnen idealerweise abnehmen?
Ulf Bambach: Ich hoffe, dass KI vor allem die Zeitfresser übernimmt. Ein einfaches Beispiel sind Protokolle. Wir zeichnen heute dreistündige Besprechungen mit zwölf Personen auf, und eine halbe Stunde später kann ein fertiges Protokoll versendet werden. Warum sollte sich ein Projektleiter oder eine Architektin danach drei Stunden hinsetzen und diktieren oder selbst schreiben? Das ist Ressourcenverschwendung. Darin sehe ich große Vorteile: Wir können unsere Arbeit angenehmer und sogar besser gestalten.
Rolf Mauer: Sie beschreiben den KI-Agenten also durchaus als künftigen Kollegen. Wir planen und bauen aber für Menschen. Bei wem wird die Entscheidungshoheit bleiben?
Ulf Bambach: Bei uns als Planern. Und das ist auch ein Grund, warum wir nicht so viel Angst vor KI haben sollten. Nach unserem heutigen Kenntnisstand ist der Blick in die Zukunft ohnehin begrenzt. Wenn mir heute ein KI-Berater sagt, was in fünf Jahren sein wird, ist er vielleicht ein guter Verkäufer – aber niemand weiß, was in fünf Jahren ist.
Rolf Mauer: Was bleibt im Planungsprozess auf absehbare Zeit die wichtigste menschliche Aufgabe, die KI uns nicht abnehmen wird?
Ulf Bambach: Gerade im Tätigkeitsfeld der Architektinnen und Architekten gibt es in allen Phasen des Prozesses sehr viel menschliche Interaktion: von der Akquisition und dem gemeinsamen Entwickeln eines Projekts mit den Kunden bis hin zur Baustelle. Natürlich kann man sich für die Zukunft Roboter auf der Baustelle oder automatisierte Objektüberwachung vorstellen. Aber in einem Bauprozess beruhen viele Entscheidungen auf menschlicher Erfahrung und Interaktion und sind nicht allein mathematisch oder durch Codes messbar. Man muss wahrnehmen, wie ein Gegenüber oder Mitwirkende reagieren, und dann den eigenen Weg gegebenenfalls justieren. Menschliche Empfindungen, Intuition, Wahrnehmung und Abwägung spielen ebenso eine Rolle wie das Zusammenbringen verschiedener Stakeholderinteressen. In einem Bauprozess haben wir Bauherrschaften, Planende, Städte und Kommunen, Nachbarschaften, Bevölkerung und Finanzierer – sechs, sieben oder acht Interessengruppen, die zusammengebracht werden müssen. Deshalb glaube ich, dass der Mensch und die Planenden auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gefragt bleiben. Gleichzeitig wird von uns Planerinnen und Planern die Kompetenz erwartet, diese Prozesse professionell zu moderieren. Wer sich nur in sein stilles Kämmerlein zurückzieht und am liebsten vierzig Stunden pro Woche unentdeckt am Rechner sitzt, wird es in Zukunft vielleicht etwas schwerer haben.
Qualität als Maßstab
Rolf Mauer: Wenn eine Architektin oder ein Planer dieses Interview liest und denkt, bei formicon möchte er oder sie arbeiten – was sollte die Person mitbringen?
Ulf Bambach: Offenheit für möglichst alle Disziplinen und Einflussfaktoren, die ein Gebäude prägen können. Die Person muss kommunikationsstark, wertschätzend und integrativ sein. Gerade wir Architekten sollten selbstkritisch genug sein, mit Kolleginnen und Kollegen aus den Ingenieursdisziplinen auf Augenhöhe und wertschätzend umzugehen. Es geht darum, sich selbst ein Stück zurückzunehmen, sich in ein Team einzubringen und gemeinsam einen größeren Erfolg zu erreichen. Diese Fähigkeit muss jemand auf der menschlichen Ebene mitbringen.
Rolf Mauer: Welche fachlichen Kompetenzen kommen hinzu?
Ulf Bambach: Neben einer hohen sozialen und kommunikativen Kompetenz braucht es natürlich eine hohe fachliche Kompetenz. Ich glaube allerdings, dass die ersten beiden mindestens die gleiche Wertigkeit haben. Zum Fachlichen gehört einerseits die planerische Kompetenz, andererseits aber auch die Bereitschaft, sich mit IT, BIM und KI auseinanderzusetzen und Expertise aufzubauen.
Rolf Mauer: Sie haben vorhin gesagt, kein Mensch könne fünf Jahre in die Zukunft sehen. Trotzdem zum Schluss: Wo steht formicon in fünf Jahren?
Ulf Bambach: Wenn ich in fünf Jahren sagen kann, dass wir einen synchronen, durchgängigen Planungsprozess über alle Disziplinen gewährleisten, der allen Beteiligten das Erreichen der gesetzten Projektziele ermöglicht, und wir dabei nahe an hundert Prozent herankommen, wäre ich darauf durchaus ein bisschen stolz – und ich bin selten stolz. Wenn dabei zugleich Kreativität, Innovation, Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Umsetzungskompetenz in der Realisierung unterstützt und befördert werden, wären wir dort angekommen, wo wir hinwollen: zu den drei führenden Unternehmen in Deutschland zu gehören, die eine sehr hohe fachliche Kompetenz bei der Abwicklung eines Planungs- und Bauprozesses gewährleisten.
Rolf Mauer: Herr Bambach, vielen Dank für das sehr inspirierende und informative Gespräch. Ich würde mich gern mit Ihnen für das nächste Gespräch in fünf Jahren verabreden. Ich bin gespannt, ob sich dann zwei KI-Agenten stellvertretend für uns unterhalten oder ob wir persönlich wieder das Vergnügen haben, uns zu treffen.
Ulf Bambach: Ich freue mich darauf. Und selbst wenn die beiden Agenten miteinander reden, gehen wir eben ein Bier trinken.
Das Interview führte Rolf Mauer, Chefredakteur der Architekturzeitung. Erstveröffentlichung: architekturzeitung.com
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formicon ist eine deutschlandweit agierende Gruppe von Architektur- und Ingenieurbüros. An derzeit 20 Standorten bündeln rund 600 Mitarbeitende ihre Expertise, um komplexe Bauprojekte ganzheitlich zu realisieren. Von der ersten Idee bis zur Überwachung der Bauphase stellt formicon eine ganzheitliche Arbeitsweise sicher, die alle notwendigen Kompetenzen in interdisziplinären Teams gewährleistet. Auftraggeber profitieren von Synergieeffekten innerhalb der Gruppe – von der Architektur über die technische Gebäudeausrüstung und Tragwerksplanung bis hin zu Elektroplanung, Medizintechnik, Projektsteuerung, Kosten- und Terminplanung sowie Objektüberwachung und Nachhaltigkeitsthemen – alles aus einer Hand. Die fachliche Expertise und der kulturell fundierte, interdisziplinäre Planungsansatz aller Partner ermöglichen es, Bauprojekte fokussiert, effizient und integriert zu planen und umzusetzen – über sämtliche HOAI-Leistungsphasen hinweg. Eine ausgewogene Teamstruktur aus jungen und erfahrenen Mitarbeitenden gewährleistet Planungs- und Beratungsleistungen auf höchstem fachlichem Niveau. formicon verfügt über ausgeprägte Kernkompetenzen in zentralen Spezialdisziplinen der Planung und Transformation: BIM als durchgängige digitale Planungsmethode, Nachhaltigkeit und ESG als strategischer Rahmen für verantwortungsvolles Bauen, LCA / Ökobilanzierung zur fundierten Bewertung von Materialien und Lebenszyklen sowie Sanierung und Denkmalschutz als Schlüsselkompetenzen im Umgang mit dem vorhandenen Gebäudebestand.
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