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Baukunst ist Ingenieurskunst

formicon-CEO Ulf Bambach und WUP-Geschäftsführer René Reissig wollen die Gruppe zu Deutschlands führendem Generalplaner für Architektur- und Ingenieursleistungen entwickeln. Foto: formicon



Ulf Bambach, CEO von formicon, und René Reissig, Geschäftsführer von WUP Ingenieure, sprechen mit Rolf Mauer, Chefredakteur des ingenieurmagazins.com, über die Rolle der Ingenieure in integrierten Planungsprozessen. formicon führt Planungsbüros unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen und verbindet Architektur, Tragwerksplanung, technische Gebäudeausrüstung und Projektmanagement. WUP ergänzt die Gruppe mit Kompetenz in der technischen Gebäudeausrüstung. Damit kommen im Gespräch die Perspektive der Unternehmensgruppe und die eines spezialisierten Ingenieurbüros zusammen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Ingenieurinnen und Ingenieure das Gebäudekonzept durch ihre frühzeitige Einbindung mitgestalten und wie sich dadurch die Zusammenarbeit mit Architektinnen und Architekten verändert. Welche Vorteile entstehen, wenn unterschiedliche Disziplinen unter einem gemeinsamen Unternehmensdach arbeiten? Wo bleiben Schnittstellen und Abstimmungsprobleme bestehen? Das Gespräch behandelt außerdem die Integration unterschiedlicher Bürokulturen, den Einsatz von BIM und KI sowie den Beitrag der Ingenieure zu ressourcenschonenden und technisch robusten Gebäuden. Auch die Erwartungen von WUP an den Zusammenschluss und die weitere Entwicklung von formicon sind Thema.


Planen unter einem gemeinsamen Dach

Rolf Mauer: formicon baut gezielt Kompetenzen von Architektur über Tragwerk und TGA bis zum Projektmanagement auf. Was ist die strategische Überlegung dahinter?

René Reissig: Wenn man als Gesamtanbieter auftritt, hat man ein gemeinschaftliches Interesse, das Projekt zum Erfolg zu bringen – bei einer Arbeitsgemeinschaft aus einzelnen Unternehmen sind Einzelinteressen leider nicht auszuschließen.

Rolf Mauer: Herr Bambach ist Architekt, Sie sind Ingenieur. Klappt die Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieur besser, weil man unter einem Dach ist?

René Reissig: Definitiv, weil man unter Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe agiert. Das typische Hierarchiedenken temporärer Planungsgemeinschaften, bei denen eine Gesellschaft oder deren Vertreterin bzw. Vertreter den Hut aufhat und oftmals so agiert, als ob alle anderen „nur“ Nachunternehmer sind, gibt es in unserer Konstellation nicht. Wir sind ein Unternehmen, das eine gesamtheitliche Planung erstellen will und alle haben dabei nur ein gemeinsames Ziel. Wir können nur gemeinschaftlich erfolgreich sein – in der Phase der Projektplanung, in der Realisierung, im Projektabschluss und in der Übergabe. Das gilt auch für den wirtschaftlichen Erfolg. Gerade hier ist der Erfolg aller der Erfolg jedes Einzelnen.

Die neue Rolle der Ingenieure

Rolf Mauer: Herr Bambach, inwiefern werden die Ingenieurinnen und Ingenieure in dieser Konstellation zu Mitautoren des Gebäudeentwurfes?

Ulf Bambach: Sie werden zu Mitautoren. Das ist auch aus Architektensicht ein ganz wichtiger Faktor: als Architekten entwickeln wir Idee, Entwurf und Konzept von Anfang an mit unserem Ingenieursteam, insbesondere aus der Haustechnik und der Tragwerksplanung. Früher war das in einer Person vereint: im klassischen Baumeister. Der Baumeister war im Grunde ein Architekt, der die Haustechnik und die Statik mitgeplant hat – beides war aber wesentlich überschaubarer, ebenso wie die Gebäudetypologien.

Rolf Mauer: Was heißt das heute für die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen?

Ulf Bambach: Was früher in einer Person vereint war, ist heute auf drei oder vier Unternehmen oder Personen mit differenzierten Ausbildungen verteilt. Diese Fachleute müssen wieder eins werden. Sie müssen mit einer Sprache, mit einer Philosophie zusammenarbeiten. Wir reden viel über Organisation und über Werkzeuge der Zusammenarbeit. Aber ich glaube, ein elementarer Bestandteil, der für unser Unternehmen wichtig ist, ist auch die kulturelle Entwicklung. Sie bedingt genau das, was Herr Reissig eingangs sagte: Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wir müssen uns vertrauen. Wir Planerinnen und Planer müssen uns aufeinander verlassen können. Wir müssen als eine Mannschaft auftreten. Ich erzähle das schon seit zwanzig Jahren: Das hört sich immer so leicht an. Man schreibt es auf, man kann PowerPoint-Präsentationen erstellen und sagen: Ja, wir sind wie eine Fußballmannschaft. Aber unter Planern und auch zwischen anderen Beteiligten – Baufirmen, Projektsteuerern, teilweise sogar Bauherrschaften – besteht mitunter ein Misstrauen. Das ist keine gute Basis, um gemeinsam ein Haus zu planen und zu realisieren. Wir verbringen vier, fünf, sechs Jahre miteinander. Dafür braucht es dieses Urvertrauen und diese Urwertschätzung: Wenn wir all unsere Kompetenzen in einen Topf werfen, sind wir gemeinsam stärker als die Summe der Einzelpositionen.

Rolf Mauer: Ergeben sich daraus auch neue Anforderungen an die Verständigung untereinander? Sie sind Teil eines Unternehmens, sitzen aber an verschiedenen Standorten. Braucht es dafür eine besondere Kommunikationskompetenz? Hat sich die Ansprache verändert, weil man sich untereinander besser kennt und auch die Wertschätzung der Kolleginnen und Kollegen für die eigene Arbeit erlebt?

René Reissig: Ich denke ja. Wir können natürlich alle technischen Formen der Kommunikation nutzen, d. h. Videokonferenzen führen, telefonieren oder uns auch zusammensetzen. Das ist aber nicht der Schlüssel zum Erfolg. Es geht vielmehr darum, dass solche Projekte in dieser Konstellation einen anderen Typus von Projektleitung brauchen: Jemanden, der sich als Teil eines Teams sieht. Der nicht sagt: „Wir sind der Architekt, wir sind der TGA-Planer, wir sind der Statiker oder Tragwerksplaner“, sondern: „Ich bin Teil eines Teams. Du hast dieses Know-how, also bring es bitte mit ein. Ich höre Dir zu und vertraue Dir.“ Diese Zusammenarbeit im Team wird für die erfolgreiche Abwicklung solcher Projekte existenziell wichtig sein.

Technische Kompetenz als Wachstumsstrategie

Rolf Mauer: WUP ist Teil von formicon geworden, um die TGA-Kompetenzen auszubauen. Es muss aber nicht jede Spezialisierung im eigenen Haus vertreten sein. Wie entscheiden Sie, was formicon selbst abdecken soll und was weiterhin extern geplant oder bearbeitet werden kann?

Ulf Bambach: Wir haben gemeinsam Produkttypologien, Leistungsbilder und die regionale Abdeckung definiert, die wir unseren Auftraggeberinnen und Auftraggebern in den Projekten anbieten wollen. Für die technische Gebäudeausrüstung heißt das, dass wir die wesentlichen Anlagengruppen für Labor, Krankenhaus, Industriebau und Verwaltungsgebäude weitestgehend selbst abdecken können. Auslastungsspitzen kann man sicherlich extern abfangen, vielleicht in einem Umfang von fünf Prozent. Aber insbesondere den Entstehungsprozess eines Gebäudes – von der Grundlagenermittlung über Vorentwurf und Entwurf bis zum Übergang in die Ausführungsplanung – würde ich immer mit den Fachleuten im eigenen Haus entwickeln. Denn hier wird der Erfolg des Projekts zum Großteil bereits definiert und der weitere Verlauf maßgeblich bestimmt. Wenn wir danach in die Umsetzung kommen, kann man beispielsweise in der Objektüberwachung auch mit externen Büros zusammenarbeiten, wenn gerade die quantitative Kapazität oder die lokale Nähe fehlt. Aber den vorderen Prozess müssen wir selbst abdecken können.

René Reissig: Wir können tatsächlich alle Anlagengruppen der Kostengruppe 400 mit eigenen Mitarbeitenden abbilden. Dazu zählen unter anderem Abwasser-, Wasser-, Gasanlagen, Wärmeversorgungsanlagen und Raumlufttechnische Anlagen sowie Nutzungsspezifische, Elektrische und Verfahrenstechnische Anlagen, sowie Gebäudeautomation. Je größer die Inhouse-Kompetenz ist, desto geringer sind die Störgrößen, zum Beispiel aus unterschiedlichen Einzelinteressen. Im Vordergrund steht so immer der Gedanke der Ganzheitlichkeit.

Rolf Mauer: Gibt es eine Größe, ab der Generalplanung effizienter wird? Oder kann man das gar nicht an der Größe festmachen? Ist es vielleicht vor allem die Art der Zusammenarbeit, die für Effizienz sorgt?

René Reissig: Die Größe allein kann nicht das Kriterium sein. Für mich ist es eher die Komplexität. Je mehr einzelne Gewerke benötigt werden, desto größer ist der Mehrwert einer solchen Generalplaner-Konstellation, weil die Bauherrschaft viel weniger Schnittstellen und viel weniger einzelne Personen oder Unternehmen koordinieren muss. Auch bei kleineren Projekten sind wir, wenn man auf die formicon-Standortkarte schaut, mit vielen Gewerken bundesweit vertreten. Das heißt, unsere Kunden können auch bei kleineren Projekten auf das gesamte Portfolio des Unternehmens zurückgreifen.

Digitalisierung, BIM und KI

Rolf Mauer: Gehen wir zur Digitalisierung, zu BIM. Ein BIM-Gebäudemodell allein macht noch keinen gemeinsamen Planungsprozess. Was muss im Arbeitsalltag hinzukommen – zum Beispiel zwischen Ihnen beiden?

Ulf Bambach: Nehmen wir die Texte der HOAI, da steht sinngemäß drin: „Der TGA-Planer erarbeitet auf Basis der vom Architekten erstellten Planunterlagen ein haustechnisches Konzept.“ Das heißt, der Architekt fängt mit Grundlagenermittlung und Vorentwurf an. Die Bauherrschaft hat vielleicht auch das Bestreben, am Anfang ein bisschen Geld zu sparen, will so früh noch keine Fachplaner beauftragen und sagt: „Machen wir erst mal nur die Architektur und gehen damit zur Stadt und zur Bank und schauen mal bei den Maklern, welche Mieterinnen und Mieter sie haben.“ Dann wird ein halbes Jahr entworfen und dann werden Pflöcke eingeschlagen. Die Stadt sagt: „Das ist ein toller Entwurf.“ Die Mieter sagen: „In das Haus möchte ich rein. So transparent alles, toll!“ Dann kommt die Bank und sagt: „Wenn die Stadt genehmigt und der Mieter unterschreibt, dann würden wir das auch finanzieren.“ Und dann erst kommen die Fachplanerinnen und Fachplaner ins Spiel. Der TGA-Planer sagt: „Mit dieser Ganzglasfassade kommen wir mit den TGA-Kosten nicht hin, die sind fünfundzwanzig Prozent teurer.“ Der Tragwerksplaner stellt fest: „Habt ihr euch eigentlich mal Boden und Grundwasserstand angeschaut? Die Gründung ist ein bisschen aufwendiger. Da haben wir zehn Prozent Mehrkosten.“ Worauf will ich hinaus? Nur weil das Projekt nicht von Anfang an gemeinsam entwickelt und gedacht wurde, stehe ich mit dem Vorentwurf und der ersten validen gemeinsamen Kostenschätzung in der Defensive. Diese grundsätzliche Problematik besteht, wenn man ein Projekt phasenversetzt in Silos plant.

Rolf Mauer: So wird der Planungsalltag heute noch in vielen Büros sein. Nun sitzt eine neue Kollegin mit am Planungstisch: die KI. Wie gehen Sie damit um? Was bedeutet KI für die Verantwortung des Planers, des Ingenieurs, des Architekten? Welches Potenzial hat sie? Ist sie eine fügsame Kollegin? Und entsteht ein spürbarer Mehrwert, wenn wir KI nicht nur als Datenverarbeiter, sondern auch als kreatives Werkzeug einsetzen – etwa bei Kollisionsprüfung und Entwurf?

René Reissig: Für uns in der TGA ist KI ein sinnvolles zusätzliches Werkzeug, das wir bei standardisierten Prozessen einsetzen können. Dadurch verlagert sich vielleicht die Aufgabe des Projektteams: weg von reinen Fleißarbeiten, stärker hin zur Rolle des Ideengebers. Eine KI kann immer nur auf dem aufbauen, was schon einmal gemacht wurde. Die neuen Ideen müssen vom Projektteam kommen und das Projektteam muss prüfen: Ist das so wie gedacht von der KI umgesetzt worden, wie wir es wollen? Es geht also um Kontrolle und darum, nach der Umsetzung weiteren Optimierungsbedarf zu erkennen.

Ressourcen, Lebenszyklus und technische Optimierung

Rolf Mauer: Konstruktion und technische Systeme bestimmen auch die ökologische Qualität eines Gebäudes. Ist Nachhaltigkeit auch eine Ingenieuraufgabe?

René Reissig: Unbedingt. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir ressourcenschonend bauen müssen. Dafür brauchen wir Tragwerksplanerinnen und Tragwerksplaner, die schauen: Was brauchen wir tatsächlich? Wie stark muss etwas dimensioniert sein? Wie lässt es sich in Form und Funktion optimieren? Für die Gebäudetechnik gilt das genauso. Es ist immer der Spagat zwischen so viel wie nötig und so wenig wie möglich bzw. nicht mehr als wirklich notwendig. Gerade in der Gebäudetechnik reden wir seit Langem über Gebäudeeffizienz. Dafür müssen wir unterschiedliche und zum Teil komplexe technische Systeme miteinander verknüpfen – von der Klima- und Heizungstechnik, von der Sanitärtechnik bis zu den nutzerspezifischen Anlagen, all das muss aufeinander abgestimmt und intelligent vernetzt sein. Es macht aber auch keinen Sinn, ein Gebäude mit Technik zu überfrachten. Aufwand und Nutzen müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen.

Rolf Mauer: Technische Optimierung kann auch bedeuten, mit weniger Technik auszukommen. Mies van der Rohe hat gesagt: „Weniger ist mehr.“ Gleichzeitig müssen wir heute Tausende Normen und Anforderungen beachten. Ist Low-Tech für Sie eine Strategie, die der Bauherrschaft vermittelbar ist? Oder widersprechen sich Low-Tech und die zunehmende Komplexität?

René Reissig: Ich glaube, das Thema Low-Tech kann man nicht pauschal beantworten. Bei den unterschiedlichen Gebäudearten und vor allem den unterschiedlichen Nutzerinnen und Nutzern braucht es jeweils eine spezifische Betrachtung von Art und Umfang der technischen Ausstattung. Wer ist später vor Ort? Wer kann die Technik bedienen? Wenn wir von vornherein wissen, dass ein Gebäude später keine komplexe technische Betreuung haben wird, macht es keinen Sinn, dort eine Technik einzubauen, die genau diese Betreuung voraussetzt.

Ulf Bambach: Hier können wir auch auf das eben erwähnte Beispiel zurückkommen: Ich kann natürlich eine Glasfassade bauen und mir viel Wärme in das Haus reinholen und diese dann mit viel Aufwand wieder wegkühlen. Low-Tech heißt für mich, je nach Standort und Geometrie zu überlegen: Was ist nicht nur aus städtebaulich-ästhetischen Gründen ein sinnfälliger Fassaden- und Gestaltungsansatz, sondern was können wir mit der Expertise der Kolleginnen und Kollegen aus Tragwerksplanung und Haustechnik optimieren? Wenn wir hier Technik reduzieren wollen, auch unter dem Aspekt der Betriebskosten, kann man nicht eine andere Lösung finden, um von vornherein weniger Wärme in das Gebäude reinzulassen? Oder kann man nicht Wandaufbauten mit mehr Speichermasse wählen, die ich wiederum für meine haustechnische Konzeption nutzbar machen kann? Das sind Aspekte, die in einer frühen Phase zu entscheiden sind. Low-Tech oder High-Tech ist eine Diskussion, die nur gemeinsam geht.

Rolf Mauer: Inwiefern gilt das auch für die Lebenszyklusbetrachtung eines Hauses?

Ulf Bambach: Man müsste Materialkataster aufbauen und genauer hinschauen. Wir reden viel über die Erstellung und deren Kosten. Aber wir müssen den Lebenszyklus schon in einer frühen Phase mitbetrachten, weil in den frühen Planungsphasen bereits siebzig bis achtzig Prozent der Lebenszykluskosten festgelegt werden.

Unterschiedliche Unternehmenskulturen zusammenführen

Rolf Mauer: Sie ergänzen sich sehr gut, stelle ich fest. Obwohl hier unterschiedliche Unternehmenskulturen zusammenkommen: Hat es Reibungen gegeben? Haben Sie sich sofort verstanden? Wie hat das zwischen Ihnen beiden beziehungsweise zwischen Ihren Unternehmen funktioniert?

Ulf Bambach: Als wir uns kennengelernt haben, spürte ich sehr schnell: Da ist auf der menschlichen Ebene ein ähnliches Mindset. Das merkt man oft in den ersten Minuten. In meiner beruflichen Vita habe ich in den vergangenen fünfzehn oder zwanzig Jahren mit den unterschiedlichsten Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet, weil ich aus dieser Gesamtplanungswelt komme. Diese Offenheit und dieser menschliche Umgang sind aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung, die wir bei formicon brauchen, um vernünftig zusammenarbeiten zu können. Natürlich benötigt jedes Büro und jeder Mitarbeitende eine gewisse fachliche Qualität. Aber die Größe, die wir hier erzeugen, bringt uns nur dann etwas, wenn wir einen kulturell respektvollen und wertschätzenden Umgang pflegen. Den müssen wir insbesondere als Führungskräfte vorleben. Das ist die Basis für den Erfolg. Gute Fachleute mit einem menschlich wertschätzenden Umgang werden gut zusammenarbeiten können, und dadurch entstehen im Regelfall auch gute Projekte.

Rolf Mauer: Wenn man ein Ingenieurbüro wie WUP integriert, kommt eine große Kompetenz- und Wissensbasis zu formicon hinzu. Wie findet man da zueinander? Das ist kein Alltagsgeschäft und muss parallel zum laufenden Geschäft funktionieren. Wie integrieren Sie dieses Wissen in die Gesamtgruppe?

Ulf Bambach: Wir sind jetzt vier TGA-Büros, WUP ist mit Abstand das größte. Über einen geführten Integrationsprozess wollen wir diese vier Büros stärker zu einer Einheit zusammenführen. Strategische Ideen und Leitplanken werden von uns gemeinsam initiiert, im Tagesgeschäft wird WUP dabei eine wichtige Rolle übernehmen. Es geht um Arbeitsmittel, Softwareprogramme, Arbeitsprozesse und die Frage, wie die Zusammenarbeit konkret funktioniert. Das erarbeiten wir gerade in ersten Task Forces. Wir haben entschieden, die Gruppe so zusammenzuführen, dass sich die Fachdisziplinen annähern. Auch in der TGA sollen die unterschiedlichen Büros mit ihren jeweiligen Kompetenzen und Kulturen auf fachlicher Basis stärker zu einer Einheit werden. In einem zweiten Schritt wird die Vernetzung dieser unterschiedlichen Kompetenzen auch organisatorisch stärker werden. Wir denken darüber nach, erste Gesamtplanungsstandorte zu schaffen: also an einem Ort Architekten, Ingenieure und andere relevante Disziplinen in einem Büro zusammenzubringen. Das ist ein Change-Prozess, den man vor allem kommunikativ begleiten muss.

René Reissig: WUP bringt sicherlich viel Kompetenz mit seinen Kerngewerken ein. Aber auch die anderen Ingenieurbüros, selbst wenn sie kleiner sind, können vieles, was wir noch nicht können. Der große Mehrwert für alle Beteiligten liegt darin, voneinander zu lernen. Wir müssen die Menschen auf allen Ebenen zusammenführen. Es geht nicht nur darum, dass sich Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer austauschen, sondern auch technische Systemplaner, Fachplaner und Projektleiter. Sie müssen sich direkt begegnen und zusammenarbeiten, Erfolge feiern, vielleicht auch Misserfolge miteinander erleben. Nur dadurch schaffen wir es, dass sich die Menschen tatsächlich als ein Team fühlen.

Erwartungen und Perspektiven

Rolf Mauer: Zum Abschluss noch ein Blick auf den Berufseinstieg: Was sollten junge Bauingenieurinnen und Bauingenieure oder TGA-Planerinnen und TGA-Planer heute lernen und mitbringen, um für formicon gerüstet zu sein? Was bieten Sie den Mitarbeitenden, was fordern Sie von ihnen?

René Reissig: Für mich gibt es bei jungen Leuten, z. B. Berufseinsteigern, die von der Hochschule kommen, zwei wesentliche Kriterien. Sie sollen neugierig sein und ein gewisses Eigenengagement mitbringen. Ihr Handwerk und die fachlichen Grundlagen sollten sie gelernt haben. Die wichtigste Fähigkeit ist, im Team zu funktionieren und sich dort einzubringen. Bei uns kann man sehr vielseitig arbeiten, viel lernen und sich somit persönlich weiterentwickeln. Wir helfen dabei und begleiten alle auf diesem Weg. Aber diese Neugier, dieser Spaß an der Technik und an der Zusammenarbeit müssen da sein. Das ist das Grundprinzip. Alles andere können wir ihnen beibringen.

Ulf Bambach: Alle Beteiligten im Planungs- und Bauprozess haben einmal ein Studium oder eine Ausbildung gewählt, weil sie damit etwas bauen wollten. Es ist sehr reizvoll, die Welt mitzugestalten und sagen zu können: „Ich habe an diesem Haus mitgeplant, das ist auch mein Haus.“ Es ist enorm wichtig für unsere Kultur, dass wir dieses Selbstvertrauen und Selbstverständnis den Ingenieurskollegen mitgeben. Das ist nicht das Haus eines Architekten. Es ist unser aller Haus. Und du hast es mitgeplant. Ich finde, das ist ein irrsinnig cooles Gefühl.

Rolf Mauer: Zu Beginn unseres Gesprächs war die Rede von Vertrauen und Wertschätzung. Das ist etwas, was wir im Studium kaum lernen. Architekten und Bauingenieure studieren in verschiedenen Silos. Dann kommen die TGA-Fachleute hinzu, die oft aus einer anderen Welt kommen und beispielsweise Maschinenbau studiert haben. Die Herkünfte sind vielfältig. Haben Sie aus Ihrer Praxis der Generalplanung eine Idee, wie sich die Lehre verändern müsste?

René Reissig: Ich hätte einen ganz einfachen Vorschlag. Viele unserer Mitarbeitenden fangen schon während des Studiums als Werkstudenten bei uns an. Wir begleiten sie häufig schon bei der Bachelorarbeit, aber auch weiter, oftmals sind es projektspezifische Arbeiten mit Fokus auf die TGA. Aber warum nicht einmal dazu übergehen, diese Studierenden nicht nur die TGA, sondern die Gesamtplanung betrachten zu lassen? Man könnte schon dort ein Team zusammenstellen, wie es auch in einer Generalplanung arbeitet. Dann lernen sie dort bereits, ein Projekt gemeinschaftlich abzuwickeln: mit Fachleuten aus Tragwerksplanung, Architektur und der TGA. Das würde die Realität der künftigen Zusammenarbeit tatsächlich widerspiegeln. Das ist eine große Chance für alle, denn ich habe den Eindruck, junge Menschen gehen oft unbefangener an solche Zusammenarbeiten heran und nehmen diese Erfahrungen dann mit in das Berufsleben. Was wäre das für eine Bereicherung.

Ulf Bambach: Das ist der eine Ansatz. Es gibt aber auch andere, die schon in Büros gearbeitet haben, in denen das so gelebt wurde. Gerade diejenigen, die bereits im angloamerikanischen Raum Arbeitserfahrungen gesammelt haben, gehen häufig anders an die Aufgaben heran. Dort arbeitet man seit zwanzig oder dreißig Jahren in einem deutlich stärker integralen Planungsprozess. Grundsätzlich sage ich aber: Das, was wir uns im Idealbild wünschen und vorstellen, müssen wir zum Großteil selbst ausbilden. Wir müssen die Leute befähigen und dahinführen, mit einer anderen Arbeitsmethodik und in einem anderen Prozess an die Aufgaben heranzugehen – und sie aus ihren Silos herausholen.

Rolf Mauer: Was folgt daraus für Ausbildung und Studium?

Ulf Bambach: Hundert Prozent der Studierenden werden für das Entwerfen ausgebildet, obwohl das später nur zwei, drei oder vier Prozent der Architektinnen und Architekten in dieser Form machen. Ich halte es für wichtig, dass Studierende auch lernen, was ein Bauantrag ist, wie er funktioniert oder wie sich Planungsrecht, Verwaltungsrecht und Baurecht unterscheiden. Baukonstruktion, Ausschreibung, Baubetrieb sollten ebenfalls im Studium gestärkt werden. Das sind Leistungsbereiche, die einen erheblichen Teil des Honorars ausmachen. Wir sprechen von Verantwortung. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Städtebau ist für unsere Gesellschaft enorm wichtig, und Gebäude sollen natürlich auch sicher sein. Ich finde deshalb, dass sich Lehre und Ausbildung deutlich stärker an die neuen Anforderungen anpassen müssen – auch mit Blick auf den Einsatz von KI. Wir haben heute noch viele tradierte Rollenbilder. Deshalb müssen wir diejenigen, die so ausgebildet zu uns kommen, auf einen anderen Weg führen und ihnen zeigen, welche weiteren Möglichkeiten es in diesem Beruf gibt.

Das Interview führte Rolf Mauer, Chefredakteur des ingenieurmagazins.com. Erstveröffentlichung: ingenieurmagazin.com




Ulf Bambach, CEO der formicon Gruppe
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Das ist nicht das Haus eines Architekten. Es ist unser aller Haus. Und du hast es mitgeplant.

Ulf Bambach, CEO der formicon Gruppe


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formicon ist eine deutschlandweit agierende Gruppe von Architektur- und Ingenieurbüros. An derzeit 20 Standorten bündeln rund 600 Mitarbeitende ihre Expertise, um komplexe Bauprojekte ganzheitlich zu realisieren. Von der ersten Idee bis zur Überwachung der Bauphase stellt formicon eine ganzheitliche Arbeitsweise sicher, die alle notwendigen Kompetenzen in interdisziplinären Teams gewährleistet. Auftraggeber profitieren von Synergieeffekten innerhalb der Gruppe – von der Architektur über die technische Gebäudeausrüstung und Tragwerksplanung bis hin zu Elektroplanung, Medizintechnik, Projektsteuerung, Kosten- und Terminplanung sowie Objektüberwachung und Nachhaltigkeitsthemen – alles aus einer Hand. Die fachliche Expertise und der kulturell fundierte, interdisziplinäre Planungsansatz aller Partner ermöglichen es, Bauprojekte fokussiert, effizient und integriert zu planen und umzusetzen – über sämtliche HOAI-Leistungsphasen hinweg. Eine ausgewogene Teamstruktur aus jungen und erfahrenen Mitarbeitenden gewährleistet Planungs- und Beratungsleistungen auf höchstem fachlichem Niveau. formicon verfügt über ausgeprägte Kernkompetenzen in zentralen Spezialdisziplinen der Planung und Transformation: BIM als durchgängige digitale Planungsmethode, Nachhaltigkeit und ESG als strategischer Rahmen für verantwortungsvolles Bauen, LCA / Ökobilanzierung zur fundierten Bewertung von Materialien und Lebenszyklen sowie Sanierung und Denkmalschutz als Schlüsselkompetenzen im Umgang mit dem vorhandenen Gebäudebestand.

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